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Beispiel­rede: Trauerrede für den Vater

Thomas hält diese Rede bei der Trauerfeier für seinen Vater Werner in der Friedhofskapelle. Eingestellt waren 5 Minuten, ein Lächeln hier und da, berührend, nicht religiös. Alle Namen und Geschichten sind erfunden.

Die Rede

Liebe Mama, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde von Werner,

mein Vater war kein Mann der vielen Worte. Wenn er etwas sagen wollte, hat er es meistens getan. Deshalb fällt es mir nicht leicht, heute so viele Worte über ihn zu machen. Ich versuche es trotzdem, auf seine Art: mit dem, was er getan hat.

Werner ist in Bochum aufgewachsen, als ältester von vier Geschwistern. Mit vierzehn hat er eine Lehre als Maschinenschlosser angefangen, und im Grunde hat er nie aufgehört, Dinge zu reparieren. 1968 hat er Mama beim Tanz im Gemeindehaus kennengelernt. Sie sagt, er hat an diesem Abend nur ein einziges Mal gefragt. Das hat gereicht. Ein Jahr später haben sie geheiratet.

Im Keller unseres Hauses hatte er seine Werkstatt. Wenn man ihn suchte, musste man nur dem Pfeifen folgen. Er pfiff immer, wenn er arbeitete, und immer dasselbe Lied. Bis heute weiß keiner von uns, wie es eigentlich heißt.

Bis zur Rente hat er bei derselben Firma in Wattenscheid gearbeitet, erst an der Drehbank, später als Meister. Seine Kollegen nannten ihn den Doktor, weil er jede Maschine wieder zum Laufen brachte. Er fand den Spitznamen albern. Korrigiert hat er ihn nie.

Ich war sechs, als er mir das Radfahren beigebracht hat. Jeden Abend nach der Arbeit ist er hinter mir hergelaufen, eine Hand am Sattel, die Straße rauf und wieder runter. Wochenlang. Irgendwann habe ich mich umgedreht, um ihm etwas zuzurufen, und er stand weit hinter mir, die Hände in den Hosentaschen. Er hatte längst losgelassen. Er hat es mir nur nicht gesagt.

So war er. Er hat uns gehalten, solange wir es brauchten, und losgelassen, sobald wir es konnten. Ohne großes Aufheben.

Sein Lieblingssatz war: „Wer anfängt, ist schon halb fertig.“ Er hat ihn gesagt, wenn wir vor den Hausaufgaben saßen, vor dem ersten Job, vor jedem Umzug. Als Kind konnte ich ihn nicht mehr hören. Heute sage ich ihn zu meinen eigenen Kindern.

Jeden Sonntag ist er mit Mama an die Ruhr gegangen. Bei jedem Wetter, mit einer Thermoskanne Kaffee und zwei Bechern. Die Becher stehen noch im Flur, und ich glaube, sie werden dort noch eine Weile stehen.

Was bleibt von ihm? Ein Keller voller Werkzeug, in dem jedes Teil seinen festen Platz hat. Drei Enkel, denen er allen ein Fahrrad repariert hat. Und die Gewissheit, dass man Dinge nicht wegwirft, nur weil sie gerade nicht funktionieren. Man schaut erst einmal nach, was fehlt.

Liebe Mama, du warst an all diesen Sonntagen an seiner Seite. Danke, dass du ihn so lange begleitet hast. Und danke euch allen, dass ihr heute hier seid, um mit uns Abschied zu nehmen.

Papa, du hast mich damals losgelassen, ohne etwas zu sagen. Jetzt müssen wir dich loslassen. Und wir sagen es dir.

Mach's gut, Papa. Du fehlst uns.

Warum diese Rede funktioniert

  • Ruhige, kurze Sätze: Die Rede lässt Raum für Pausen und kommt ohne Ausrufezeichen und große Worte aus.
  • Ein Leben, kein Lebenslauf: Bochum, die Lehre, der Tanz im Gemeindehaus, die Werkstatt im Keller. Wenige Stationen, jede als Bild.
  • Eine Erinnerung als Herz: Die Geschichte mit dem Fahrrad zeigt, wer Werner war, ohne dass ein einziges Adjektiv fällt.
  • Ein sanftes Lächeln: das Lied, dessen Namen niemand kennt, und der Satz, den Thomas als Kind nicht mehr hören konnte. Thomas hatte „ein Lächeln hier und da“ gewählt, mehr Humor gibt es nicht.
  • Der Schluss kehrt zum Anfang zurück: Das Loslassen aus der Fahrradgeschichte wird zu den Abschiedsworten. Sie richten sich direkt an den Vater, schlicht und ohne religiöse Formeln, weil Thomas eine nicht religiöse Feier angegeben hatte.

Stand: 26.09.2026

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